Einladung zur Manuskripteinreichung: Heft 6 (2022)

2021-04-12

 

                                                    

Call for Papers

Wissenschaftliche Open-Access-Zeitschrift „Wortfolge. Szyk Słów“

Heft 6/2022 – Manuskripteinreichung: 30. November 2021

Thematischer Schwerpunkt:

Ein/Be/Abgrenzungen: literatur- und sprachwissenschaftliche Perspektiven

Wittgensteins bekanntes Diktum, die Grenzen meiner Sprache seien die Grenzen meiner Welt, scheint gerade heute besondere Brisanz zu gewinnen: Unsere durch die COVID-Pandemie grundlegend veränderte Welt kann ja bereits durch einen bloßen Sprechakt gefährdet werden und aus den Fugen geraten. Der obligatorische Mundschutz, der heutzutage kaum wegzudenken ist, erwächst daher beinahe zu einer paradoxen Sprach- und Sein-Chiffre: Er schützt, indem er einen unbegrenzten Redefluss unmöglich macht. Die physische wie psychische Dimension der Eingrenzung, das soziale, wie überhaupt das zwischenmenschliche Auf-Distanz-Gehen, gehören bereits beinahe zu dem pandemischen Alltag und sind ein festes Element einer eigenwilligen Pandemie-Sprache – und das gerade in einer Welt, die sich ja bereits global und grenzenlos gebärdete.

Wie wird diese Verschiebung vom Globalen/Universellen zum Lokalen/Regionalen/Tagesaktuellen in der Literatur und Sprache registriert? Wird die Eingrenzung auf die sprichwörtlichen eigenen vier Wände zum Gegenstand der ästhetischen Reflexion, gerade in der Gegenwartsliteratur? Und wie wird sie kontextualisiert und verbalisiert? Ein nur flüchtiger Blick in die Geschichte des literarischen Motivs der Eingrenzung offenbart bereits hier ein dichotomisches Denken: War ja für Virginia Woolf das Zimmer nur für sich allein gerade die basale Voraussetzung des (weiblichen) Aufbruchs und der Konstituierung einer (weiblichen) Autorschaft, so zeigt Marlen Haushofers Die Wand die Einengung als Verlust der Freiheit, einen verstörenden Einbruch des Unheimlichen ins Alltägliche. Haben denn Polarisierungen, Dichotomien und Dualismen überhaupt noch Bestand und sind sie als zuverlässige Werkzeuge einer sprachlichen Erfassung der Welt weiterhin dienlich? Oder kann die Eingrenzung gerade einen transitorischen Raum jenseits der konventionellen sprachlichen und literarischen Grenzen evozieren, der unaufhörlich zwischen der Außen- und Innenwelt, dem Eigenen und Fremden zirkuliert?

Nicht weniger interessant sind auch die folgenden Fragen: Welche Konsequenzen haben Einengungen für die Poetik von Texten, nicht nur der Gegenwart und für die (Evolution der) Sprache selbst? Welche neuen Räume eröffnen sich paradoxerweise für die Sprache, wenn sie kodifiziert wird? Wird die physikalische bzw. äußere Grenze möglicherweise internalisiert, wie dies etwa bei Bachmanns Grenzwesen Undine geschieht, die eine „nasse Grenze zwischen mir und mir“ entdeckt? Ist die metaphorische wie wortwörtliche Grenzziehung erst die Prämisse der Selbstfindung? Was können denn Begrenzungen in der Literatur und Sprache bewirken und welche Folgen haben sie? Und schließlich lohnt es auch, die Gegenperspektive einzunehmen: Sind die Grenzen meiner Welt auch die Grenzen meiner Sprache? Welche Antworten lieferten und liefern die Literatur und Sprache auf die bedrückende Erfahrung der Be/Eingrenzung? Kann die typische Pose eines aus dem Fenster sehnsuchtsvoll schauenden Romantikers gerade in der COVID-Ära zu einer äußerst aktuellen Metapher der Gegenwart werden?

Diese Fragen wollen wir an deutschsprachige, literarische Texte herantragen, die Be/Ein/Abgrenzungen problematisieren; sprachwissenschaftlich fundierte Beiträge sollen diese Thematik am Material der deutschen Sprache, ihrer gegenwärtigen, historischen und regionalen Varietäten exemplifizieren. In einer weiterreichenden Perspektive sind auch Untersuchungen von Interesse, die das Problem der Be/Ein/Abgrenzungen reflektieren, mit denen die Literaturwissenschaft und Linguistik gegenwärtig immer häufiger konfrontiert werden: methodologische Allianzen mit verwandten Disziplinen erfordern geradezu eine Rückbesinnung auf die Grenzen der eigenen Disziplin und der Interdisziplinarität selbst.

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